In Russland waren sie Deutsche, in Deutschland sind sie „Russen“. Spätaussiedler werden viel zu oft konfrontiert mit Vorurteilen oder als Ausländer bezeichnet und das, obwohl sie immer schon Deutsche waren.

Es ist eine Situation, die sich der Großteil von uns, die wir nicht betroffen sind, kaum vorstellen kann: Spätaussiedler lebten die deutsche Kultur mitten in Russland, Kasachstan, Rumänien, Polen oder anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Fernab von Deutschland sprachen sie Deutsch, bauten Kirchen, feierten deutsche Weihnachten oder Ostern und sahen sich seit jeher als Deutsche – obwohl sie umgeben waren von russischer, östlicher Kultur und natürlich insbesondere in den jüngeren Generationen auch von dieser beeinflusst wurden. Sie hielten an ihrer Nationalität fest – auch als manche von ihnen als „Faschisten“ beschimpft wurden und als die Politik ihnen alles Deutsche verbot.

Ihre Geschichte beginnt bereits um 1763 mit dem „Einladungsmanifest“ der Zarin Katharina der Großen. „Wir, Catharina die Zweite, Zarin und Selbstherrscherin aller R[ussen] zu Moskau, Kiew, Wladimir [...] [ge]statten allen Ausländern, in Unser Reich zu kommen, um sich in allen Gouvernements, wo es einem jeden gefällig, häuslich niederzulassen“, schrieb sie in diesem Dokument und richtete sich insbesondere an die Deutschen, die dieser Einladung folgten. Sie emigrierten aus Deutschland – insbesondere Württemberg, Schwaben, Baden, der Pfalz, Rheinhessen und dem Elsass – und bildeten dort in ihren Gemeinden kleine „Inseln“ deutscher Kultur und Wirtschaft.
Doch ihre Situation veränderte sich rasch, denn plötzlich hieß es unter Zar Alexander III. „Russland muss den Russen gehören“. Dieser slawische Nationalismus bedeutete ein Verbot der deutschen Sprache, Enteignungen und Umsiedlungen. Erst nach dem Sturz des Zaren im Jahre 1917 waren die Deutschen in Russland wieder gleichberechtigt und doch handelte es sich um eine Zeit, in der einerseits viele, insbesondere Wohlhabende unter ihnen, als „Kulaken“ verfolgt wurden, während andere eine florierende Wirtschaft aufbauen konnten.
Der Juni 1941 dann allerdings bedeutete eine neuerliche, drastische Wende in der Geschichte: Plötzlich wurden die Russlanddeutschen nach dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion als „Faschisten“ und „Nazis“ verfolgt. Viele von ihnen wurden nach Sibirien oder in Gebiete Mittelasiens deportiert, von ihren Familien getrennt, mussten Zwangsarbeit leisten und wurden verfolgt.
Erst 1957 – weit nach Ende der Zeit des Nationalsozialismus und nach Stalins Tod – fand deutsches Leben der Spätaussiedler wieder öffentlich statt. Versuche, in die ursprünglichen Gebiete innerhalb der Ostblockstaaten zurückzukehren, scheiterten, sodass viele den Entschluss fassten, nach Deutschland auszusiedeln. Doch auch dies blieb den Russlanddeutschen zunächst verwehrt, denn erst unter Michail Gorbatschow im Jahre 1986 erlaubte man ihnen die ungehinderte Ausreise.
Was dann begann, ist eine Welle der Einwanderung nach Deutschland. Mitte der 1990er Jahre fand diese ihren Höhepunkt und bis heute ist sie nie abgebrochen, auch wenn die Zahlen deutlich zurückgingen, nachdem 1997 ein Sprachtest eingeführt worden war. Jeder unter ihnen hatte zunächst die deutsche Staatsbürgerschaft und konnte ungehindert, oft auch kostenlos nach Deutschland einreisen. Erst später, als die jüngeren Generationen, die immer stärker vom russischen Einfluss geprägt waren, nach Deutschland kamen und oftmals Probleme mit der deutschen Sprache hatten, begann man durch den Sprachtest, ihre Nationalität zu prüfen.

Scheint diese Vergangenheit der Spätaussiedler für uns heute „nur“ ein Stück Geschichte zu sein, so sehen wir in unserer Gesellschaft auch heute noch die Folgen dieser Entwicklung, die 1763 begann: Viele unserer Mitbürger und Mitbürgerinnen stammen noch aus der Generation der Russlanddeutschen, die in den 90er Jahren nach Deutschland kamen. Auch an unserer Schule, finden sich Schüler und Schülerinnen, für deren Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern diese Geschichte nicht nur in einem Geschichtsbuch steht, sondern die sie tatsächlich erlebt haben. Fragt man die Mitschüler nach ihrer Familiengeschichte, so können sie oft von den Erfahrungen ihrer Verwandten berichten.
Unter der Zarin gingen diese nach Russland, von Stalin wurden sie in die kasachische Steppe verschleppt, im Winter siedelten sie nach Deutschland aus – in Sommerkleidung, denn sie hatten nicht erwartet, dass die Winter in Deutschland teils so kalt sind wie in Russland oder Kasachstan. Mit nur wenig Gepäck reisten sie nach Deutschland. Ein traditionelles Gewandt, ein paar Fotos oder alte Kassetten fanden in ihren Koffern jedoch Platz und erinnern heute an eine Zeit, die noch nicht so lange her ist und doch weit weg erscheint. (Hier lässt sich beispielsweise ein Ausschnitt aus einem traditionellen Kinderlied anhören.)
Und heute? Die Situation der Spätaussiedler ist immer noch geprägt von ihrer Vergangenheit. Nach so vielen Jahren weit weg von Deutschland und umgeben von der russischen Kultur, scheint es nur logisch, dass ihre Kultur abweicht von der Kultur derer, die seit Generationen in Deutschland leben. Vor allem das Feiern von Gottesdiensten dient der Pflege alter Traditionen und Lieder. Das Bewahren einer Kultur, die hier ihre Wurzeln hat und trotzdem manchmal fremd scheint, ist nicht immer leicht und besonders die jüngere Generation identifiziert sich immer weniger mit den alten Traditionen. Dennoch gestaltet sich die Integration für manche schwieriger als erhofft. Vorurteile der deutschen Gesellschaft gegenüber diesen „anderen Deutschen“ machen ein Zusammenwachsen trotz aller Gemeinsamkeiten nicht immer leicht.
Erst vor dem Hintergrund ihrer Geschichte können wir – besonders wir Schüler und Schülerinnen – die Lebensweise der Spätaussiedler verstehen. Denn auch wenn wirtschaftliche Motive heute immer wichtiger werden, so war es damals der Wunsch als „Deutsche unter Deutschen zu leben“, der sie zu uns – sei es in den Chiemgau oder in andere deutsche Regionen – brachte.


Franziska Füchsl, Anna-Maria Randl, Richard Buchner, Andreas Hofmann