Seit den 90er Jahren werden die Einwanderungszahlen dominiert von Menschen, denen in ihrem Heimatland die Existenzgrundlage fehlt oder die aus politischen oder religiösen Gründen verfolgt werden. Sie bitten in Deutschland um Asyl. Hört man die Geschichten über die Strapazen der Reise und die Situation in den Asylbewerberheimen, so erübrigen sich Fragen nach dem Warum – es bleibt die Ehrfurcht vor der Entscheidung.

Was früher ein Pfarrhof war, ist heute ein Heim für Asylbewerber aus den verschiedensten Regionen der Welt.Wir haben uns mit einem Bewohner des Asylheims unterhalten und sehr viel über seine interessante Lebensgeschichte erfahren, insbesondere über seine Flucht aus Afghanistan im Jahr 2012.

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Seine Reise beginnt mit 17 Jahren in der Nähe von Kabul. Nachdem seine Eltern getötet wurden und auch er Angriffe erleiden muss, flieht er in den Iran, wo er in einem Elektrogeschäft arbeitet. Im Frühling wandert er zu Fuß in die Türkei weiter. Dort verbringt er zehn Monate in den Städten Istanbul und Izmir, um Geld zu verdienen und Englisch zu erlernen. Jedoch wird er von der Polizei aufgegriffen und für zwei Wochen im Gefängnis untergebracht. Eines Nachts flieht er mit einem Schlauch, auf dem sich 20 weitere Personen befinden, nach Griechenland. Die Fahrt dauert die ganze Nacht und ist sehr gefährlich, für uns kaum vorstellbar. Er erzählt uns die Einzelheiten der Fahrt, zum Beispiel dass er aus dem Boot fiel und nicht schwimmen konnte, was ihm fast das Leben kostete. Gerade noch konnte er von einem der anderen Mitfahrer gerettet werden. Als er hiervon erzählt, zeigt sich am deutlichsten, wie groß die seelische Belastung für ihn war und ist und wie ihn die Vorkommnisse geprägt haben.

In Griechenland angekommen, meldet er sich bei der Polizei und wird in einer Zelle unter schrecklichen Bedingungen untergebracht Doch letztlich bekommt er eine Aufenthaltserlaubnis  für einen Monat. Mit einem Schiff fährt er nach Athen, wo er zweimal versucht mit dem Flugzeug nach Deutschland zu gelangen. Hierbei unterstützen ihn die sogenannten „Schleuser“, die ihm gefälschte Papiere für den Flug besorgen. Da dies jedoch beide Male auffällt, ist er gezwungen einen andern Weg zu finden. Er versucht mit dem Bus nach Albanien zu fahren. Doch auch dort wird er zurückgeschickt nach Griechenland. Vor allem aber ist die Umgangsweise mit ihm dort menschenunwürdig, da er geschlagen und getreten wird. Nun versucht er gemeinsam mit den Schleusern einen anderen Weg zu finden. Mit Bussen, Autos und größtenteils zu Fuß gelangt er zuerst nach Albanien, dann nach Mazedonien und nach Serbien, wo er wieder inhaftiert wird. Für zwei Wochen wird er festgehalten, wobei ihm sein Handy weggenommen wird und er heftigst geschlagen wird. Für ihn ist jedoch das Schlimmste daran, dass er nicht mehr die Möglichkeit hatte mit seiner Familie in Afghanistan in Kontakt zu bleiben, was sie glauben lässt, er sei tot.
Erst als er nach einigen Wochen von freundlichen Einheimischen die Möglichkeit bekommt zu telefonieren, hat er wieder Kontakt. Seine Oma kontaktiert nun die Schleuser, die ihn dann über den weiteren Plan informieren. Zu Fuß geht er nach Ungarn und gelangt von dort aus mit dem Auto nach Österreich. Mit dem Zug fährt er nun über Tschechien nach Berlin. Doch diese Reise dauert nicht allzu lang, da er in Chemnitz von der Polizei inhaftiert wird.

Allerdings gibt es einen großen Unterschied; Er berichtet von freundlichem Verhalten, etwas das er lang vermisste. In Deutschland wird er bald in einem Heim untergebracht, geht jetzt zur Schule und arbeitet und nächstes Jahr wird  er eine Ausbildung machen.

Unser Gesprächspartner war für uns sehr inspirierend. Er zeigte uns, wie schwer das Leben derer ist, die in einem Land wohnen, wo Unruhen herrschen und die versuchen von dort zu fliehen. Doch er zeigte uns vor allem, wie man für eine Sache kämpft.

Danken wollen wir auch dem AK Anti-Rassismus unserer Schule, der den Kontakt hergestellt hat.

Bericht und Gespräch von: Lisa Plank, Christina Blank, Barbara Fenis, Florian Schramm und Anton Zehentmaier