Die unglaubliche Welt musikalischer Tiefe

„CAGE and more“: Neue Musik Trostberg begeisterte im Postsaal-Gewölbe

(Artikel aus dem Trostberger Tagblatt vom 23.06.2015)

Immer wenn Cage, das enfant terrible der Neuen Musik, auf dem Programm steht, wähnt man Ungehörtes, bisweilen auch Provokation! Dies bestätigte sich im besten Sinne bei der Veranstaltungsreihe „Neue Musik Trost-berg“ des Hertzhaimer-Gymnasiums am vergangenen Samstag. Aber auch neoklassizistische Werke kamen unter der Leitung des Musiklehrers Bernhard Zörner im vollbesetzten Postsaalgewölbe zur Aufführung.

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Das Programm begann mit einem „Entrée“ der Arbeitsgemeinschaft Neue Musik. Klangröhren läuteten zu Beginn außerhalb des Saales und waren verwoben mit klangsinnlichen, clusterartigen und subtil in Erscheinung tretenden Punktklängen im Saal. In der anschließend von Ludwig Rössert vorgetragenen „Serenade für Cello (solo)“ von Hans-Werner Henze zeigte der Interpret in dem durch starke Espressivität gekennzeichneten Vortrag seine musikalische Stärke, welche nicht zuletzt von differenzierter Artikulation geprägt war.
Der 1499 gegründete „Tempel des zur Ruhe gekommenen Drachen“, ein UNESCO-Weltkulturerbe stand der Komposition „Ryoanji“ Pate. Zweige als Klangmaterial begannen zu knistern und dokumentierten ebenso gegen Ende den Bezug zum Leben. Im Mittelpunkt des musikalischen Geschehens standen hierbei Jonas Heider (Posaune), Stefan Lederer und Mi-chael Guggenberger (Percussion), sowie Konstantin Kneissl (Violine). Die Pedaltöne des Posaunisten zeichneten glissandoartig Umrisse von Steinen in der graphischen Partitur von Cage nach und bestachen in der unglaublichen Welt musikalischer Tiefe. Einen sehr glaubwürdigen Kommentar lieferte die Improvisation Kneissls, welche auch dem Bezug ordnungsgebender, musikalischer Elemente der beiden Perkussionisten Rechnung trug. Ein fast medidativer Akt in der Gesamtschau und musikalisch treffend ausgestaltet!
Das zweite von John Cage komponierte Stück „Theatre piece“, thematisierte über eine Collage aus Zeitungstexten, klassischer Klaviermusik, Kontrabass, Metallophon, Strickzeug und im Publikum umhersuchenden Personen, sowie dem von Cage stammenden Text „There is no director or conductor“ die Frage, welche Assoziationsfenster an Lebenswirklichkeiten sich auftun und möglicherweise unterschiedliche Gewichtung erlangen.
Eine Konzertreihe als weitere Plattform für Jugendliche „Newcomer“? In der Sache „Neue Mu-sik“ keine Frage mehr! Dies bewiesen bravurös die beiden aus der siebten Klasse des Gymnasi-ums stammenden Pianisten Manuel Lauerer und Felix Ecker, welche von Rebekka Thois und Hans Bruckner unterrichtet werden. Francis Poulencs Sonate zu vier Händen - ein virtuoses Stück der Extraklasse und ein Beleg für die hervorragende Ausbildung an der Musikschule Trostberg mit Preisen auf Landesebene bei Manuel und Felix!
Kann Sprache Musik sein? Dieser Frage gingen schließlich Stefan Lederer und Michael Gug-genberger  in den Anagrammen des Schriftstellers und Literaturpreisträgers Michael Lenz nach, welche sie bereits in der dreitägigen, dem Konzert vorausgehenden Veranstaltung in der Neue Musik Hochburg Donaueschingen musikalisch überzeugend beantworteten - so auch hier im „Gewölbe“!
Arvo Pärts Komposition „Spiegel im Spiegel“ (Bild) beendete stimmungsvoll und mit dem fein-herben „Tintinnabuli“-Stil des estnischen Komponisten den Konzertabend. Diese Konzertreihe am Gymnasium Trostberg belegt immer wieder, dass auch junge Leute an die meist so als schwierig vermittelbar gesehene Neue Musik herangeführt werden können.

 


AG Neue Musik beim internationalen Festival „UPGRADE“ in Donaueschingen

Im Mai war die AG Neue Musik wieder unterwegs, denn elf glückliche Mitglieder fuhren zum „Upgrade-Festival“ nach Donaueschingen, der Stadt für Neue Musik in Deutschland. Drei Tage lang trafen sich dort interessante Ensembles aus ganz Deutschland, um sich auszutauschen, gegenseitig anzuregen und neue Ideen zu sammeln.

Wir konnten viele verschiedene, großartige Konzerte besuchen und natürlich auch unsere fünf eigenen Stücke zur Aufführung bringen. Das Festival versammelte viele junge, aufstrebende Musiker, ausgebildete Profis und Hochschuldozenten sowie Komponisten an einem Ort, so dass die unterschiedlichsten Ideen und Individuen, Ansichten und Ansätze zum Verständnis Neuer Musik kreativ aufeinandertrafen. Sogar der „Urvater“ unserer Neue Musik AG, Prof. Dieter Schnebel war beim Eröffnungskonzert zugegen! Dabei war zwischen all den Konzertbesuchen, Hin- und Herfahrereien, Stellproben, ausgesprochen gutem Essen, dem Ein- und Ausladen vorallem die Stimmung immer ausgelassen, fröhlich und interessiert.

Am zweiten Tag blieb noch Zeit für eine kurze, interessante Stadtführung bevor die verschiedenen Workshops losgingen, bei denen man in die Arbeitsweise anderer Ensembles hineinschnuppern konnte und wir sogar selbst einen Workshop „Musik zum Anfassen“ anbieten durften, wobei das Erarbeitete am Abend vorgestellt und kurz erläutert werden sollte. Der Leiter des SWR moderierte mit wachem Interesse und Sachverstand.

Unsere eigenen Stücke führten wir sehr erfolgreich und mit vielen positiven Rückmeldungen von den anderen Besuchern am dritten Tag auf, bevor wir uns dann nach einem Symposium des SWR über die Musikvermittlung allzu bald auch wieder auf den langen Rückweg nach Trostberg machen mussten. Mit dabei auf dem Heimweg waren nicht nur viele besondere Eindrücke und neue Kontakte, sondern auch die Erinnerung an drei wunderbare, kreative Tage - sogar mit kulinarischen Highlights - im schönen Donaueschingen!

Stefan Lederer