EBild 3 Ausweis smallin Blick in unsere Familiengeschichten – da eröffnen sich vielen von uns Erinnerungen  an Flucht, Vertreibung und Kriegsgefangenschaft. Oft wird über diese Zeit kaum gesprochen oder es fehlen uns unsere Verwandten, die aus erster Hand hätten berichten können. Tagebucheinträge,  überlieferte Erzählungen und Geschichtsbücher müssen uns dann ausreichen, um uns ein Bild von unseren Wurzeln zu machen. Wie wurde Bayern unsere Heimat?

"Meine Familie lebte im Memelland, im heutigen Litauen, das damals durch einen „polnischen Korridor“ vom restlichen Deutschland getrennt lag. Sie sprachen schon immer Deutsch und hatten zweisprachige Pässe (siehe Bild 1) Die Söhne waren für Deutschland in den Krieg gezogen, während die Mädchen mit den Eltern weiterhin im Memelgebiet blieben bis die Sowjets kamen. Viel ist über die Flucht meiner Familie vor den Sowjettruppen zu Fuß über die zugefrorene Ostsee nach Bayern nicht bekannt. Nach dem Krieg konnten zumindest die Geschwister Kontakt zueinander herstellen. Über die Flucht wurde nur sehr selten gesprochen. Man konzentrierte sich auf den Neubeginn. Ich erinnere mich aber an Anekdoten vom frühmorgendlichen Bernsteinsammeln an den Stränden der kurischen Nehrung und von den eiskalten Wintern und dem Schlittschuhlaufen auf der Ostsee. Als wir noch jünger waren, gab es traditionell Aal an Heilig Abend, um an die Herkunft der Familie zu erinnern. Bei einer Reise ins heutige Litauen fanden wir das heruntergekommene und verlassene Haus der Familie wieder (siehe Bild 2).”


"Meine Familie bewirtschaftete einen großen Hof in der Nähe von Königsberg. Als die Sowjets kamen, Bild 4 Memel Smallwurden Frauen und Kinder aufgefordert zu fliehen. In dem Tagebucheintrag einer Verwandten steht:
 
„Ich wurde also am 27. Februar überraschend aufgefordert mit den anderen nicht berufstätigen Leuten aus der Haydnystrasse Königsberg zu verlassen. Innerhalb einer Stunde. Ich hatte gerade Vorhänge um Kochen aufgesetzt, da wir so allmählich den Rest einpacken wollten. […] Wir versuchten noch, dass ich bleiben dürfte, aber es wurde nicht erlaubt. Mein Mann aber musste bleiben [...].  Ich kam also mit den anderen nach Pillau, wo wir in ein Schiff kamen (Für Pferdetransporte vorher verwendet) es gab aber nicht einmal Stroh. Ich hatte aber 3 Decken mit, musste sie aber immer mit anderen teilen […]. Ich hatte ausser dem Deckenpaket noch einen Rucksack und einen ziemlich kleinen Koffer und einen Brotbeutel für die Kleinigkeiten, eben so viel, oder so wenig als ich gut tragen konnte. In dem Schiff lagen wir wegen Schneesturm noch 6 Tage im Hafen in Pillau, kamen dann nach Gotenhafen.”
 
 Lange Strecken wurden zu Fuß zurückgelegt...
 „Ich brach allein mit meinem Gepäck auf, hatte 2 Stunden bis zu dem entfernten Hafenbecken auf offenen Landstrasse zu gehen – Ich musste viel aus meinem Koffer heraustun, weil ich es nicht mehr schleppen konnte, denn ich musste alle Augenblick in den tiefen Strassengraben weil ununterbrochen Tiefflieger kamen."
 
 Die Schiffsfahrten waren gefährlich...
 „In Hela war langer Aufenthalt und das Schiff wurde masslos überfüllt. […] Wir waren 8 Tage auf dem Wasser, da das Schiff wegen irgend einer Gefahr (U-Boot, Minen, Fliegerangriff, Nebel u.s.w.) immer wieder still liegen musste. Wir hatten auch Geschütze und schossen selbst. Wie froh waren wir immer wieder, wenn wir merkten, dass wir uns wieder etwas fortbewegten."
 
In Deutschland angekommen wurde sie in einem Lager in München untergebracht und teilte mit 60 Personen ein Zimmer:
"Ich hatte sehr viel Lauferei, denn dann bekam ich erst meinen Flüchtlingsausweis und die Kennkarte, die ich vorher nicht bekommen hatte, schon darum musste ich ins Lager. Wegen Zuzug und Wohnung hatte ich auch unzählige Lauferei, es war alles so aussichtslos. [Ich fing] im November 49 an im Roten Kreuz in München [zu arbeiten], leider nur ehrenamtlich aber gegen Mittagessen [...]. Bezahlte Arbeit findet man in meinem Alter nicht mehr, oder sie ist so schwer, dass ich sie nicht mehr machen kann. Jedenfalls, im Augenblick kann ich sehr zufrieden sein […]."