Vietnam. Ein Schauplatz des ewigen Krieges zwischen Kommunisten und Kapitalisten. Westen und Osten der Welt kämpfen als Norden und Süden Vietnams. Ein Krieg über das wahre System, für das unschuldige Vietnamesen ihr Leben gaben, obgleich es längst nicht mehr ihr Krieg war.

Huy Nguyen ist ein Bürger Trostbergs, der als Zeitzeuge den Vietnamkrieg miterlebt hat. Ein Krieg zwischen Süden und Norden. Ein Krieg, in dem sich Amerikaner und andere westliche Staaten gegen Russland und China zu behaupten versuchten, während die vietnamesische Bevölkerung dafür bezahlen musste. Huy lebte bis zu seinem 20. Lebensjahr in einer kleinen Stadt 350 km nördlich von Saigon, der Hauptstadt Süd-Vietnams. Nachdem der kommunistische Norden den Süden eingenommen hatte, wurden Huy und alle anderen südvietnamesischen Landsleute, die an der Seite der Amerikaner gekämpft hatten, von den Eroberern sehr schlecht behandelt. Da sein Vater und Bruder für die Südvietnamesen gearbeitet hatten und nur Kinder von Kommunisten oder Kämpfer für deren Seite die Möglichkeit hatten, sowohl ihre Karriere als auch ihre schulische Laufbahn voranzubringen, waren Huys Familie und Freunde sozusagen rechtlos im eigenen Land. So wurde Huy die Erlaubnis zur Erreichung der höheren Schulbildung verwehrt und seine nächsten Verwandten wurden in die Arbeitslager der Kommunisten abgeführt.

Mit 20 Jahren fasste Huy den Entschluss, aus seinem Heimatland zu fliehen: Zusammen mit einigen Freunden und vielen anderen Flüchtlingen versuchten sie „boat people“, wie man sie später bezeichnete, in ein besseres Leben in einem anderen Land mit einem kleinen Fischerboot zu gelangen. 80 Vietnamesen, die alles zurücklassen mussten, da auf dem ohnehin schon sehr kleinen Boot auch für das Nötigste nur bedingt Platz war, standen dicht gedrängt in einem „Seelenverkäufer“ von Boot mit dem Wissen, dass über 50% aller auslaufenden Schiffe nie an irgendeiner Küste ankommen werden und doch nahmen sie es in Kauf, sich an diese winzig erscheinende Hoffnung zu klammern. Auch die Navigation fiel aus, nur tagsüber diente ihnen die Sonne als Wegweiser, in welche Richtung sie sich im scheinbar endlos weiten Ozean bewegen mussten. Nachts jedoch blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich treiben zu lassen und in ihren Gebeten auf Gott zu vertrauen. Nach acht Tagen, 1400 Kilometern und drei Tagen ohne Trinkwasser erblickten sie dann endlich die Küste der Phillipinen. Sie hatten es tatsächlich geschafft! Doch die Freude währte nicht allzu lang, denn die Flüchtlingslager auf den Phillipinen waren voller Not und Armut. Reis stand, falls vorhanden, ausschließlich auf der Speisekarte. Fast alle wünschten sich von den Amerikanern, in ihr Land aufgenommen zu werden, auch weil sie diese als ihre Verbündeten schon kannten. Doch das alles nahm viel Zeit in Anspruch. Ein ganzes Jahr verbrachte Huy im Flüchtlingslager, wartend auf jemanden, der auch ihn mit in die Vereinigten Staaten nehmen würde, wartend auf eine neue Heimat. Schließlich sagte man ihm, dass er noch acht weitere Monate zu warten hätte, bis ein Flugzeug sie in die USA bringen würde. Das kam für Huy nicht in Frage. Er wollte weg hier, bloß weg! Und so entschied er sich für dieses kulturell noch ganz unbekannte Land: Deutschland.

Im Januar 1979 stand er nun in Sommerkleidung mitten im tiefsten Winter am Flughafen in München und sah zum allerersten Mal in seinem Leben Schnee. Allein dass er nun in kurzer Hose durch den halben Meter Schnee waten musste, zeigte ihm, dass er nun wahrhaftig in der Fremde war. Hier kannte er nichts und niemanden. Er war in einem Land, dessen Sprache er nicht sprach, das völlig andere Werte besaß und dessen Umwelt sich in nichts mit seiner ehemaligen Heimat ähnelte. Nach den zwei Wochen Gesundheitscheck in München wurde er in das Asylantenheim in Engelsberg verwiesen. Dort absolvierte er einen sechsmonatigen Deutschkurs, bekam Essen und fasste immer mehr in der deutschen Kultur Fuß. Ab dieser Zeit im Asylantenheim, meint Huy, begann ein besseres Leben für ihn. Und schon bald geschah ein weiterer glücklicher Zufall für ihn: Die damalige Stadträtin Marlene Seeholzer übernahm eine Patenschaft für zwei Migranten aus dem Asylantenheim. Sie lud sie ein, nach Trostberg zu kommen, um besser Deutsch zu lernen. In der Folge half sie ihnen bei der Suche nach einer Wohnung und einem Arbeitsplatz. Der eine der zwei Brüder, die ausgewählt wurden, sagte aber, dass er ohne Huy, seinen besten Freund, nicht nach Trostberg gehen würde; und so lud Frau Seeholzer auch Huy dazu ein, eine Existenz in Trostberg aufzubauen. Hier heiratete er nun, gründete eine Familie und fand viele deutsche Freunde. Ein Traum kam so für ihn in Erfüllung, so viele glückliche Zufälle fielen ihm in den Schoß – Er glaubt, dass er darüber niemals die Macht gehabt hätte; dass es Gott war, der sein Schicksal stets geleitet habe.

Jakob Kainhuber und Leon Gerer